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Mo 29.08.11

Vom standardisierten Offset- zum Digitaldruck


In den letzten 9 Jahren gab es für den Offsetdruck koordinierte Anstrengungen, um von der Datenerzeugung über den Proof bis zum Druck klar definierte Sch-nittstellen und Kontrollmittel zu schaffen. Das Ergebnis ist der erfolgreiche Prozess-Standard Offsetdruck. Ein derartiger Standard soll nun auch für den Digitaldruck entwickelt werden. Doch anders als beim PSO, entwickeln FOGRA und digicom jeweils an einer eigenen Lösung für einen Digitaldruck-Standard. Print & Produktion hat einen Blick hinter die Kulissen der Entwicklungen geschaut. Von Jan-Peter Homann.


Gemäß ISO 12647–8 soll die Farbigkeit eines Digitaldrucks wie die eines Digitalproofs erfolgen. Dazu wird der FOGRA Medienkeil 3 vermessen.

Verglichen mit der Situation vor etwa 10 Jahren hat die koordinierte Vorgehensweise auf Basis von ISO-Standards heute sowohl für Auftraggeber als auch Druckereien, die tägliche Arbeit deutlich erleichtert. ICC Profile für einen standardisierten Offsetdruck wie etwa ISOcoatedv2 sind der defacto Standard für die Wandlung von digitalen Fotos in den CMYK-Farbraum für den Druck.
PDF hat sich als Übergabe-Format vom Auftraggeber zur Druckerei durchgesetzt und der Anteil der sicher druckbaren PDF/X Dateien nimmt ständig zu. Proofsysteme werden mit einheitlichen Voreinstellungen und Kontrollmitteln (UGRA Fogra Medienkeil CMYK) ausgeliefert und zeigen über verschiedene Hersteller hinweg eine gute Übereinstimmung.
Der Offsetdruck ist weitgehend standardisiert und erreicht standardisierte Proofs mit kurzen Einrichtzeiten. Die Standardisierung funktioniert inzwischen so zuverlässig, dass viele Auftraggeber und Druckereien inzwischen auf Proofs verzichten, ohne sich hinterher „in die Haare“ zu kommen.
Bei Druckereien, die für industrielle Auftraggeber arbeiten, ist es inzwischen üblich, sich gemäß ProzessStandard Offsetdruck (PSO) zertifizieren zu lassen. Der PSO ist ein Projekt des Bundesverband Druck und Medien (bvdm) und der FOGRA zur Anwendung der ISO 12647–2.

Marktsituation Digitaldruck
Für den Digitaldruck wären branchenweit akzeptierte Schnittstellen, Kontrollmittel und Zertifizierungen ebenfalls hilfreich, wobei sich die Situation deutlich komplexer als im Offsetdruck darstellt. Dies rührt daher, dass unter dem Label Digitaldruck sehr unterschiedliche Druckverfahren mit einer großen Vielfalt and Bedruckstoffen zu finden sind.
Eine Standardardisierung von der Datenerzeugung bis zum Druck ist damit deutlich komplexer als beim Offsetdruck. Weiterhin kooperierten zum Redaktionsschluss die beiden wichtigsten Branchen-Organisationen FOGRA und bvdm betreff Standardisierung nur lose und sind beim Thema Zertifizierung explizite Konkurrenten mit teilweise unterschiedlichen Vorgehensweisen. Der FOGRA ProzessStandard Digitaldruck (PSD) als Leitfaden für die Digitaldruckproduktion mit optionaler Zertifizierung ist ein reines FOGRA-Projekt, das verschiedene FOGRA Zertifikate inklusive Tages-Audit zusammenfasst.
Alternativ zum PSD Zertifikat können Digitaldruckdienstleister ihren Workflow von den Landesverbänden Druck und Medien vor Ort prüfen lassen und sich bei Bestehen das „digicom Gütesiegel“ ausstellen lassen.
Zum Redaktionsschluss arbeiteten sowohl FOGRA als auch digicom noch an den letzten Feinheiten ihrer jeweiligen Zertifizierungs und. Prüfungsvorgaben. Zentrale Eckpunkte lassen sich allerdings schon erkennen.
Die ISO 12647–8 Validation Printing beschreibt die Druckbild-Qualität für die Datenausgabe Digitaldrucksystemen mit Bezug auf eine Farbreferenz (Offsetdruck). Das Digitaldrucksystem wird als Digitalproofsytem mit erweiterten Toleranzen angesehen. Für die farbliche Beurteilung in der Produktion wird der FOGRA Medienkeil vermessen. Für die Zertifizierung einer Kombination aus Drucksystem, Druckmedium und RIP wird ein komplettes Testchart vermessen.
Praktisch alle Software-Lösungen für die Kontrolle des Digitalproofs können so konfiguriert werden, dass auch Digitaldrucke gemäß ISO 12647–8 Validation Printing beurteilt werden können. Sowohl im PSD als auch digicom Gütesiegel wird kontrolliert, ob der Druckdienstleister in der Lage ist, farblich innerhalb der Vorgaben der ISO 12647–8 zu produzieren und das Ergebnis selbst zu kontrollieren. Für den Auftraggeber hat dies den Vorteil, dass er in seinen Anwendungsprogrammen mit den gleichen Farb-Einstellungen sowohl für den Offsetdruck als auch den Digitaldruck Druckdaten erstellen kann.
Im Vergleich zu einem reinen Proof-Workflow muss man hier allerdings die Einschränkung machen, dass sich nicht alle produktionsüblichen Druckmedien gemäß ISO 12647–8 vernünftig kontrollieren lassen. Dies betrifft insbesondere Druckmedien mit einem hohen Anteil an optischen Aufhellern.
Wollen Auftraggeber und Druckdienstleister für solche Druckmedien eine gemeinsame Prozesskontrolle vereinbaren, so müssen sie individuell für die Kombination aus Bedruckstoff und Druckverfahren Sollwerte vereinbaren, auf dessen Basis denn der Medienkeil ausgewertet werden kann.

Colormanagementkenntnisse von Mitarbeitern notwendig
Wie schon bei der Zertifizierung für den Offsetdruck (PSO), gibt es sowohl beim PSD als auch beim digicom
Gütesiegel Testaufgaben für Mitarbeiter zum Umgang mit Farbprofilen. Mitarbeiterkenntnisse im Umgang mit variablen Daten werden nur beim digicom Gütesiegel abgeprüft.
PDF/X ist ist in der grafischen Industrie der wichtigste Datenstandard zur Übergabe von Druckdaten. Die wichtigsten Testdateien für PDF/X Kompatibilität sind sind die Altona Testsuite der ECI sowie die GWG Patches der Ghent Working Group (GWG), welches ein Industrie-Konsortium rund um den PDF-Einsatz in der grafischen Industrie ist. Beide Sätze von Testdaten stehen im Download kostenlos zur Verfügung. Eine vielfach genutzte Zusammenstellung der GWG Patches ist die PDF/X-Ready Output Suite der Branchenorganisation PDF/X-Ready, in der die FOGRA Mitglied und gemäß des Richtlinien die FOGRA Kompetenzen der Daten-Erzeugung (PDF/X-Creation) und bei der Ausgabe (PDF/X-Output). Beide PDF/X FOGRA-Prüfungen sind integraler Bestandteil der PSD-Zertifizierung.
Bei dem digicom Gütesiegel werden Kenntnisse in der PDF/X Erzeugung abgeprüft ohne sich explizit auf PDF/X-Ready zu beziehen.
Einschränkend muss hier allerdings darauf hingewiesen werden, dass speziell im Digitaldruck ein erheblicher Teil der Druckdaten aus Office-Programmen erstellt werden, die keine PDF/X Export erlauben.
Es gibt einige Best Practices für die Optimierung von PDF-Daten aus
Office Applikationen. Beispielsweise die Umwandlung von RGB-Schwarz und Grau in Text und von Vektorgrafiken in reines Schwarz für den CMYK-basierten Druck.
Im PSD ist eine Prüfung der Verarbeitung von PDF-Dateien aus Office-Programmen enthalten, während dies beim digicom Gütesiegel bisher nicht der Fall ist.
Die ISO 15311 hat als Ziel Prüf methoden und Mindesttoleranzen für die Qualitätsbeurteilung von Digitaldruckprodukten zu definieren. Der Schwerpunkt liegt hier auf einer laborgestützen als auch praktischen Beurteilung einer definierten Kombination aus Drucksystem und Bedruckstoff. Einige Methoden der ISO 15311 sollen sich auch für die Produktionkontrolle in der täglichen Praxis einsetzen lassen. Zum Redaktionsschluss wurden wesentliche Teile des ersten Normentwurfs zur ISO 15311 international noch intensiv diskutiert.

Kontrolle und Dokumentation der Farbkonstanz in der Praxis
Weder in der ISO 12647–8 (validation printing) noch in der sich in Entwicklung befindlichen ISO 15311 gibt es derzeit Vorgaben wie ein Digitaldruckbetrieb die Konstanz der Druckproduktion über verschiedene Aufträge hinweg kontrolliert und dokumentiert. Im PSD hat die FOGRA einige Rahmenbedingungen definiert, wie dies auf Basis des FOGRA Medienkeils durchgeführt werden sollte. Die PSD Zertifizierung kontrolliert das Vorhandensein einer solchen Qualitätskontrolle und erfordert das monatliche Einsenden von Prüfprotokollen an die FOGRA. Für das digicom Gütesiegel muss halbjährlich eine gedruckte Testform eingeschickt werden.

Normlicht
Sowohl im PSD als auch im digicom Gütesiegel wird kontrolliert, ob ein Abmusterungsplatz mit Normlicht gemäß ISO 3664:2009 zur Verfügung steht.

Kosten (Nichtmitglieder/Mitglieder jeweils zzgl. MwSt)
digicom Gütesiegel:
2.100,- / 1.300,- Euro
FOGRA PSD: 3.575,- / 2500,- Euro
(inkl. FOGRAcert PDF/X Creation, PDF/X Output, Abmusterung)

Fazit/Ausblick
Beide Zertifikate prüfen bei Digitaldruck-Dienstleistern Wissen und Workflow-Komponenten ab, um sich bei anspruchsvollen Auftraggebern als kompetenter Partner zu empfehlen.
Die FOGRA PSD Zertifizierung ist speziell im Bereich PDF-Workflow und Umgang mit Farbe umfangreicher als das digicom Gütesiegel, kostet aber auch fast das Doppelte.
Die Fachkompetenz hinsichtlich des personalisierten Drucks wird dagegen nur im digicom Gütesiegel abgeprüft.
Bei Produktionern, die Druckdienstleistungen in Auftrag geben, stoßen Zertifikate mit deutlich unterschiedlichen Leitungsumfang und Systematik auf Unverständnis. Dies ist um so verwunderlicher, da FOGRA und bvdm im Bereich zertifizierter Offsetdruck partnerschaftlich agieren.

Über den Autor:
Jan-Peter Homann ist Fachautor und technischer Coach zum Thema Colormanagement und Standardisierung im Druck.
Er ist sowohl Mitglied der FOGRA als auch des Landesverbands Druck und Medien Berlin Brandenburg.