Di 18.08.09

Vom DTP zum CTP


Nirgendwo hat sich die Drucksachenherstellung so drastisch verändert wie in den Druckvorstufen, die früher "Satz", "Repro" und "Kopie" hießen, und in der Kommunikation mit den Kunden.

Bestseller Linotronic 300 mit Postscript-Rip 2. Im Herbst 1987 meldete Linotype 2000 verkaufte Postscript-Belichter.


Bestseller Linotronic 300 mit Postscript-Rip 2. Im Herbst 1987 meldete Linotype 2000 verkaufte Postscript-Belichter.

20 Jahre sind im Medienbereich, in dem der Computer eine Hauptrolle spielt, eine riesige Zeitspanne. Überbrücken Sie sie zweimal mit mir: erstmal zurück nach 1987, ins Geburtsjahr von Print & Produktion, und dann wieder in die Realität von heute. 1987 wurden Highwater Designs, Presstek und Shira Computers gegründet, außerdem die Vereinigung zur Förderung der Deutschen Software-Industrie e.V., eine Interessengemeinschaft von Softwareherstellern. Hewlett-Packard lizenziert von Compugraphic die digitale Schriftentechnologie Intellifont. Xyvision übernimmt von Scitex die Contex Graphic Systems Inc., einen Hersteller von Verpackungsdesignsystemen. Chemco Europe vertreibt das Bildverarbeitungssystem Electronic Darkroom von Teragon, Schweden.
Die Druckindustrie, die eine aufreibende, 20 Jahre dauernde Umstellung vom Blei- zum Fotosatz hinter sich hat, will noch nicht so recht an die nächste (R)evolution glauben: Mit Apples Macintosh und dem IBM-PC samt Postscript, Laserdrucker und dem Pagemaker von Aldus macht eine Bewegung namens Desktop Publishing Furore. Kommentiert eine Fachzeitschrift: "Noch nie waren sie so hässlich wie heute, die schnellen Handzettel, die eiligen kleinen und großen Broschüren, die Bücher direkt vom Erzeuger, vom Dichter persönlich abgefüllt. Wenn Sie heute ein merkwürdig und wenig harmonisch dreinblickendes Druckwerk in die Hände bekommen, dann könnte das ein Fall von Desktop Publishing sein."
Der Bundesverband Druck im Dezember 1987, pragmatisch: "Perfekte Drucksachen kann nur eine Druckerei produzieren; DTP-Systeme allein reichen nicht aus. Allerdings können sie eine wichtige Hilfe für Druckereien sein." Seine Forderungen an die Lieferindustrie, insbesondere an die Setzmaschinenhersteller:DTP-Ausgaben ("PostScript" u. a.) auch auf den Satz- und Reprogeräten zu ermöglichen und DTP und Geräte so zu entwickeln, dass eine Übernahme von Daten in Satz- und Reprosysteme für weitere Veredelungsprozesse ermöglicht wird.
Wie man heute weiß, hat das DTP die proprietäre Satzherstellung und Bildbearbeitung völlig umgekrempelt. Satz, Repro und Plattenkopie wuchsen zur Druckvorstufe zusammen. Später wird das Internet eine ähnliche Herausforderung - von außen - an die Druck- oder spätestens von da an "Medien"-Branche darstellen.

Wysiwyg und Postscript
Vor zwanzig Jahren gab es neben dem Mac und dem PC noch Desktop-Computer von Atari und Commodore und natürlich Unix-Workstations, alle auch mit Publishing-Anwendungen. Auf der Intel-Plattform, der IBM anno 1987 PS/2-PCs mit dem neuen Betriebssystem OS/2 bescherte, versuchte Digital Research, seine grafische Bedienoberfläche GEM neben Microsoft Windows durchzusetzen - ohne Erfolg. Die Layoutprogramme Pagemaker und Ready-Set-Go wurden von Quark-Xpress, das im März 1987 herauskam, bedrängt und in professionellen Bereichen abgelöst.
Beim Erfolg des Macintosh als optimale Publishing-Maschine wird oft übersehen, dass das PC-Lager auf MS-DOS oder GEM oder MS-Windows vielfältiger gesegnet war mit Satz- und Umbruchprogrammen wie Buchmaschine, Superpage, Textline und vor allem Ventura Publisher. Stand 1987: In den USA haben Pagemaker und Ventura 80% Marktanteil, in Deutschland wurde Ventura 4000- bis 5000mal verkauft, Pagemaker 6000mal und 130 000mal weltweit (Aussage der Zeitschrift "PC-Welt"). Der Postscript-Thron von Adobe scheint zu wackeln, denn es kommen PS-Klones heraus; aber im Profilager kann sich nur der Hyphen-Rip gegen Original-Postscript behaupten, und später noch der Harlequin-Rip.
Der Fotosatz wehrt sich noch gut eine Dekade gegen das Desktop Publishing, schließlich wachsen beide Technologien zusammen. Fotosatz wird entweder von der Rolle (typische Belichter stammen zum Beispiel von Compugraphic) oder auf Blattfilm (Berthold oder Linotronic) belichtet, mit Ausgabe von Spaltensatz oder umbrochenem Text, wohlgemerkt ohne Gafiken und Bilder. Erst das DTP mit seinem Wysiwyg, der Seitenorientierung ("Page-Maker") und Adobes Photoshop führt zur digitalen Bildintegration.
Die logische Folge in der zweiten Dekade seit DTP heißt Computer-to-Plate. (Mehr in Print 11/2007)